Scheidenfisteln - das unbekannte Leiden

- Foto: Andrea Künzig
Zemenay kann wieder lachen. Und sie hat allen Grund dazu: Noch vor einem halben Jahr war sie krank. Sie hatte eine Scheidenfistel. Weil sie ihre Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren konnte, roch sie nach Urin und Exkrementen. Ihre Nachbarn, ihr Mann, ihre Familie – niemand hielt es mehr in ihrer Nähe aus. Zemenay war eine Ausgestoßene und lebte in einer schäbigen Hütte am Rande des Dorfes. Mit einer Operation im Fistula Hospital in der Nähe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba wurde sie geheilt.
Zemenay wurde mit vierzehn Jahren von ihren Eltern an einen fast zwanzig Jahre älteren Mann verheiratet. Kurz darauf wurde sie schwanger. Bei der Geburt lag sie tagelang in den Wehen, weil ihr junger Körper noch nicht weit genug entwickelt war, um ein Kind zu gebären. Da das nächste Krankenhaus mehrere Tagesreisen entfernt von ihrem Dorf liegt, gab es keine medizinische Hilfe für sie.
Schließlich kam ihr Kind tot zur Welt. Weil der tote kleine Körper viel zu lang auf ihre inneren Organe gedrückt und die Blutversorgung unterbrochen hatte, entstanden Löcher zwischen Scheide, Harnröhre und Darm – eine Scheidenfistel. Die Folge: Urin und Exkremente liefen unaufhörlich an Zemenays Beinen hinunter.
Neben dem Schmerz über den Verlust ihres Kindes musste sie ertragen, dass ihr Ehemann sie verstieß. Hätte ihr Vater nicht auf dem Busbahnhof vom Fistula-Hospital in Addis Abeba gehört, sie hätte bis zu ihrem Lebensende am Rande der Gesellschaft gelebt. Tagelang war sie unterwegs, weil die Busfahrer sie oft nicht mitnehmen wollten und sie weite Strecken zu Fuß gehen musste. "Aber es hat sich gelohnt, jetzt kann ich wieder ein normales Leben führen", strahlt Zemenay.
Schätzungen zufolge leben weltweit bis zu 3,5 Millionen Frauen mit Scheidenfisteln. Allein in Äthiopien kommen jährlich 9.000 Fälle hinzu. Dabei könnten Fisteln in den meisten Fällen durch relativ einfache Operationen behoben werden: 90 Prozent aller Scheidenfisteln sind heilbar.
Doch besser als eine Operation ist die Prävention. Scheidenfisteln lassen sich einfach vermeiden: Mädchen sollten nicht im Teenageralter schwanger werden, sondern erst wenn ihr Körper voll entwickelt ist. Aufklärung und Verhütung sind deshalb eine Grundvoraussetzung zur Verhinderung von Fisteln.



